
Hie und da erlebe ich es, dass Schüler sich mit ihrer Persönlichkeit selbst im Weg stehen. So etwas ist besonders schade, denn eine Änderung der Einstellung würde schon genügen, um das Vorhaben, Klavier spielen zu lernen, in die richtige Richtung zu lenken.
Mir kommt dazu eine wahre Geschichte in den Sinn, sozusagen ein Paradebeispiel für diese Art von Hindernis. Ich hatte gerade erst mein Studio eröffnet und ein „Willkommens-Video“ auf meine Webseite hochgeladen (das war damals im Jahr 2010 – kaum zu glauben, aber ich war in der Tat einer der Ersten in meiner Branche), da klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ertönte die Stimme eines Mannes, von dem ich von seiner Sprechweise schon ahnte, dass er wohl einen hohen Posten im Militär innehaben müsste. Das Gespräch dauerte nicht viel länger als eine halbe Minute und lief in etwa so ab: „Sie haben einen guten Eindruck auf mich gemacht! Nächste Woche, Donnerstag um 19:00 hätte ich Zeit, Sie zu besuchen. Da würde ich Ihnen gerne mein Können zeigen, damit Sie mir anschließend sagen, was weiter zu tun ist!“
Ich war ziemlich verblüfft. Umso mehr, als dann bei unserem Termin ein etwa 30-jähriger, gutgekleideter Mann vor mir stand, mit einer Aktentasche und einer Flasche Wein in der einen Hand. Die andere streckte er mir entgegen, stellte sich kurz vor und fragte, „ob wir gleich zur Sache kommen“ könnten. Hm… er wollte mir sogleich etwas vorspielen und kramte seine Noten hervor. „My Heart will go on“ von Celine Dion stand auf dem Programm. Der junge Mann stolperte von Note zu Note. Eine Note richtig, zwei falsch und dann wieder
von vorne. Es hatte nicht mal annähernd mit Klavierspielen zu tun. Ich wollte ihn schon bald unterbrechen, er bestand jedoch darauf, das Stück „doch noch fertig spielen“ zu können. Danach erwähnte er voller Stolz, dass er „erst seit zwei Wochen“ Klavier spiele. Tja… und dann war ich an der Reihe. Was sage ich nun bloß?
Ich war etwas verdutzt und die Situation war ziemlich grotesk. Doch er kam mir zuvor. Er stand auf, ging mit mahnend ausgestrecktem Zeigefinger im Raum umher und erklärte mir, wie er sich den weiteren Verlauf der kommenden Klavierstunden vorstelle. Ja, solche Leute
gibt es in der Tat.
Dann gibt es andere, die sich kaum zur Türe hineinwagen. Noch bevor sie selbige hinter sich schließen, entschuldigen sie sich dafür, „keine Noten lesen“ zu können. Menschen mit dieser Art von Persönlichkeit sind natürlich leichter handzuhaben, denn für sie sind die Rollen von Lehrer und Schüler klar festgelegt. Doch bei dem zuvor erwähnten Mann mit der Stimme eines Militärbefehlshabers? Komplette Fehlanzeige. Aus irgendeinem Grund waren wir beide von Anfang an nicht in unserer eigentlichen Rolle. Ich als Lehrer sollte
ihm das Klavierspielen nach seinen Vorstellungen beibringen. Das kann nicht gutgehen.
“Es ist immens wichtig, mit einem Schüler gleich zu Beginn ein Ziel zu definieren. Doch der Weg dorthin muss stets Sache des Lehrers sein”.
Wozu würde es ansonsten einen Lehrer oder Coach brauchen?
Wenn du dir einen Klavierlehrer aussuchst, vereinbare eine Probelektion mit ihm. Frage ihn, wie er mit dir vorgehen würde. Er sollte dich fragen, welche Ziele du hast und er sollte dir den Weg aufzeigen können, wie du dort hinkommst und wie er dich begleiten wird. Falls er
das nicht tut, wirst du durchaus interessante Stunden erleben. Allerdings ist die Gefahr dabei groß, dass du ein halbes Jahr später frustriert sein wirst. Du darfst den Lehrer durchaus fragen, ob er ein Konzept hat und wie er bei dir vorgehen würde. Auch darfst du ihm natürlich etwas vorspielen und ihm Beispiele bringen, was du spielen möchtest (Social-Media-Kanäle wie YouTube eignen sich da hervorragend). Aber beachte: der Weg dorthin ist Sache des Lehrers und nicht des Schülers.
Diese Rollen sollten auf alle Fälle beibehalten werden, das ist ganz wichtig.
Denn auch wenn der Schüler in diesem Moment eine erwachsene Person ist, die schon viel erreicht hat in ihrem Leben, muss er sich bewusst sein, dass er jetzt in dieser Rolle ein kompletter Anfänger ist. Ein Anfänger bezüglich Lernprozesse, sowie bezüglich des Klavierspielens. Der Klavierlehrer ist jetzt in dieser Situation der Experte. Es ist wichtig, dass diese Rollen klar definiert sind, denn sonst führt das auf beiden Seiten zu ganz viel Frust.
Ich selber habe die grossartige Möglichkeit, dass ich bei einer renommierten Jazz Pianistin aus Amerika Unterricht nehmen kann. Sie unterrichtet mich seit Jahren über Video Konferenz übers Internet. Sie ist gleichzeitig mein Idol, jemand, die ich über Jahre bewunder für ihre Kunst und dann ist die Person plötzlich da und unterrichtet mich. Das hat schon einen etwas surrealen Anstrich, ich fühlte mich zu Beginn wie ein kleines Kind. Im Bereich des Lernens und Klavierspielens ist sie die Fachperson, nicht ich. Ich habe die Rolle des Schülers.
Da bin auch ich ein Anfänger. Auf der persönlichen Ebene treffen wir uns jedoch auf Augenhöhe als erwachsene Menschen. Und so tauschen wir uns vielfach über alltägliche Dinge aus und teilen unsere Erfahrungen.
Fazit
Frage dich mit welcher Haltung du einen Klavierlehrer aufsuchst. Was sind genau deine Erwartungen an ihn? Überprüfe bei einer Probelektion nicht nur sein Können (er wird dir auf jeden Fall beeindruckende Dinge vorspielen), sondern frage ihn konkret nach seinem methodischen Vorgehen und seinem Konzept.