Die Balance zwischen Struktur und Kreativität

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Bei mir zuhause türmen sich Berge von Büchern rund um das Thema Musik. Ich hatte in meinem Leben mehrere Lehrer, gute und weniger gute und habe von Duo bis Bigband praktisch in jeder Art von Gruppe Musik gemacht. Oft habe ich mich mit anderen Musikern darüber unterhalten, wie sie lernen und was ihnen entspricht. Dafür genügt ganz einfach die Frage: „Du spielst so gut, wie hast du es geschafft, dieses Niveau zu erreichen?“ Dadurch fühlt sich natürlich jeder Musiker geschmeichelt und plaudert gerne aus dem Nähkästchen. Eines ist sicher: eine Abkürzung gibt es nicht. Jeder, der wirklich gut spielt, hat auch viel geübt. Alle herausragenden Musiker haben viel Zeit am Instrument verbracht, egal welches sie spielen.

Ich beschreibe hier im Folgenden zwei Extreme, wobei sich niemand gänzlich dem einen oder anderen zuordnen wird. Doch du wirst vermutlich eine Tendenz verspüren:

Musik machen wird im Volksmund gerne als „eine kreative Aktivität“ bezeichnet. Wenn ich mir jedoch ansehe, wie vor allem Einsteiger alleine oder mit anderen üben, dann ist dies weitestens von jeglicher Kreativität entfernt. Denn das Bewegen der Finger und Tasten basierend auf detaillierten Informationen (sprich Notenlesen) hat aus meiner Sicht nichts mit Kreativität zu tun, sondern mit viel Disziplin.

Musiker, die sich sehr an Strukturen orientieren, fühlen sich wahrscheinlich am wohlsten, wenn ihnen genau vorgeschrieben wird, was zu tun ist – sei es durch ein Notenheft, den Bandleader oder einen Lehrer. Das Paradoxe dabei ist: die meisten, die so lernen, wünschen sich insgeheim mehr Kreativität im Leben. Wenn sie jedoch mit etwas Kreativem in Verbindung kommen, überkommt sie ein Gefühl des Unbehagens. Sie haben Angst, „Fehler zu machen“ und kehren dann schnell wieder in die vertrauten Strukturen zurück. Ich erlebe dies oft, wenn jemand zu mir kommt, der bereits Klavier spielen kann – in den meisten Fällen aber nur nach Noten. Diese Personen sehnen sich nach etwas anderem, brechen aber beinahe in Panik aus, sobald dieses andere dann gefragt ist.

Auf der anderen Seite habe ich schon überaus kreative Menschen erlebt. Diese vertrauen auf ihre Intuition, warten auf ihre kreative Phase und blühen dann beim Musikmachen so richtig auf. Die meisten von ihnen sind allerdings so kreativ, dass sie am Schluss gar nichts zustande bringen oder in eigenen Sphären schwelgen, was den Zuhörer dann eher zum Schmunzeln bringt. Was sie anfangen, bleibt meist nur eine vage Idee. Solche Personen sind beispielsweise Songwriter, die auch nach Stunden noch nichts auf Papier gebracht haben, einfach weil sie den ultimativen und perfekten Song kreieren wollen. Oder Pianisten, die noch nie in ihrem Leben eine Tonleiter geübt haben (Anmerkung: Tonleiter üben ist reines Handwerk, es ist von Vorteil als Pianist, diese unter den Fingern zu haben). Oder Sänger, die sich keinen Deut um Atemtechnik kümmern. Oder Musiker, denen nicht klar ist, was ein Takt ist, eine halbe Note, oder andere grundlegende Elemente des Musikmachens.

Die besten Musiker sind, unabhängig von ihrer Stilrichtung, daher diejenigen, die jahrelang trainiert, sprich fleißig geübt haben, dabei aber stets in Kontakt mit ihren Gefühlen geblieben sind. Dazu gehört praktisch alles, was sie emotional berührt und was sie toll finden. Solche Interpreten legen außerdem eine besondere Lockerheit an den Tag. Sie haben die geübten Stücke so verinnerlicht, dass sie nicht mehr darüber nachzudenken brauchen. Dann erst, in diesem Stadium, können die Gefühle hinzukommen.

“Solange ein Musiker mit den Bewegungsabläufen des Musikmachens beschäftigt ist, kann er gar nicht gefühlvoll spielen”.

Der Verstand ist viel zu sehr auf die Bewegungen, Abläufe etc. konzentriert. Das einzige Gefühl, das man dabei spürt, ist die nackte Angst – nämlich die, einen Fehler zu machen. Und das ist nicht so angenehm.

Meine Empfehlung

Achte darauf, dass du die Elemente „Struktur und Kreativität“ von Beginn an mit in deine Übungs-Sessions einbaust. In meiner Zapiano® Methode am Schluss des Buches gehe ich darauf ein.

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