
Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich angetan bin von Gartenarbeit. Unser Garten ist manchmal etwas wild und ich bin froh, ist hie und da unser Gärtner tatkräftig zu stelle. Der Garten besteht aus Gemüse, Büschen, Unkraut … und Blumen.
Als wir kürzlich einer Blume über mehrere Wochen hinweg beim Wachsen zusehen konnten, erinnerte mich das stark an Lernprozesse beim Klavier.
Wochenlang goss ich das kleine Pflänzchen, doch es tat sich nichts. Jedenfalls war keine Veränderung sichtbar. Dann, nach einigen Wochen, schoss die Blume innerhalb weniger Tage empor und erstrahlte in voller Blüte.
Das ist dem Prozess des Klavierlernens gar nicht so unähnlich. Da sind oft tage- und wochenlang keine Fortschritte erkennbar. Man übt zwar fleißig, wiederholt die Dinge, die noch irgendwie einigermaßen gehen, scheitert aber dauernd. Das sind dann die Momente, in denen sich Ärger und Frust breit machen. Solche Situationen kennt jeder von uns.
Da bin ich übrigens keine Ausnahme. Gerade zur Zeit des Schreibens dieses Buches hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, das Stück „Billie Jean“ von Michael Jackson am Klavier zu spielen. Na prima, das ist alles andere als Klavierliteratur. Ist das überhaupt am Klavier spielbar, fragte ich mich – und zwar so, dass es sich wirklich cool anhört und nicht nur vage an das Original erinnert? Wie auch immer – naiv und voller Tatendrang habe ich begonnen, den Song zu üben. Nach etwa zwei Wochen – ich saß also schon „ziemlich lange“ daran – fragte ich mich, ob ich das überhaupt jemals hinbekommen würde. Denn eine coole Basslinie mit Michael Jacksons Gesang zu kombinieren ist doch eher eine Übung der schwierigeren Sorte.
Doch schön langsam, ganz unmerklich, begann das Stück gut zu klingen. Ich konzentrierte mich allein auf die Ausführung der Bewegungen, ohne den Anspruch, dass es sich auch noch toll anhören sollte. Die einzelnen Abschnitte des Songs übte ich in einem solch langsamen Tempo, dass mein Verstand sie verarbeiten konnte. Ich bin selbst immer wieder verblüfft, wenn ich meine eigenen Lernprozesse beobachte. Der Verstand braucht für das Verarbeiten der Bewegungen einfach eine gewisse Zeit. Es bilden sich dabei neue Verbindungen in den Hirnwindungen (in der Hirnforschung spricht man von Synapsen).
Diese funktionieren ganz ähnlich wie ein Muskel: wenn sie mehrere Male für konkrete und messbare Tätigkeiten eingesetzt werden, festigen sie sich.
Ganz ähnlich wie der Bizeps im Fitnesscenter. Und plötzlich – voilà – war bei mir das gewünschte Ergebnis da.
Auch wenn du zuvor dachtest dass das Üben nichts bringt, und du bereits gefrustet warst. Ruf dir das Bild der Blume ins Gedächtnis. Da ist lange nichts sichtbar und plötzlich erstrahlt sie in voller Blüte. Beim Klavierspielen ist es genauso.